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#esgibtim­merwas­zu­ler­nen – Bit­te nicht dar­über reden: Der Strei­sand-Effekt, Pop­corn und die Fra­ge, was „man“ sagen darf.

#esgibtim­merwas­zu­ler­nen

Bit­te nicht dar­über reden: Der Strei­sand-Effekt, Pop­corn und die Fra­ge, was „man“ sagen darf.

Kennt Ihr das? Ihr lest etwas und denkt „wow – das geht schief“ – meist gefolgt von einem Reflex, sich eine Tüte Pop­corn zu holen, sich zurück­zu­leh­nen und dabei zuzu­se­hen, wie das Gan­ze sei­nen Lauf nimmt.

Anfang Sep­tem­ber sag­te das Glücks­ge­füh­le Fes­ti­val den Auf­tritt von Alpha­ville ab. Die Band woll­te sich nicht ver­pflich­ten, auf poli­ti­sche Äuße­run­gen zu ver­zich­ten. Die Begrün­dung des Fes­ti­vals: Die Büh­ne sei kei­ne Platt­form für Poli­tik, man sei „kom­plett unpo­li­tisch“ und ste­he für „Good Vibes Only“.

Nach deut­li­cher Kri­tik folg­ten Ent­schul­di­gung und Wie­der­ein­la­dung. Alpha­ville lehn­te ab. Ande­re Acts äußer­ten sich dar­auf­hin auf der Büh­ne gegen Rechts­extre­mis­mus, Ras­sis­mus und Sexis­mus. Eine Mei­nungs­äu­ße­rung, die ohne die­se Absa­ge viel­leicht eini­ge Minu­ten gedau­ert hät­te, wur­de zur bun­des­wei­ten Geschich­te. Der Ver­such, Poli­tik vom Fes­ti­val fern­zu­hal­ten, wur­de zur poli­tischs­ten Geschich­te des Wochen­en­des – und das Glücks­ge­füh­le Fes­ti­val war in aller Mun­de, auch bei denen, die vor­her noch nicht mal von der Exis­tenz die­ses Fes­ti­vals wuss­ten (man kann hier übri­gens auch noch schön etwas über Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ler­nen – damit beschäf­ti­gen wir uns aber ein ande­res Mal).

Das ist, was man Strei­sand-Effekt nennt: Der Ver­such, eine Infor­ma­ti­on, eine Aus­sa­ge oder ein The­ma aus der Öffent­lich­keit her­aus­zu­hal­ten, erhöht deren Sicht­bar­keit. Die Inter­ven­ti­on besei­tigt das The­ma nicht, son­dern erzeugt eine zwei­te, häu­fig grö­ße­re Geschich­te über den Ver­such, das The­ma zu unter­drü­cken. Bei uns heißt das Ich hole mir mal das Pop­corn-Effekt.

Ähn­lich ging es uns nach den ers­ten Bericht­erstat­tun­gen über die Gescheh­nis­se rund um die US-Tour von Ed Sheeran. Sup­port-Act Mack­lem­ore hat­te bei der Show im Met­Li­fe Sta­di­um aus­führ­lich über Gaza gespro­chen und „Free Pal­es­ti­ne“ geru­fen, wor­auf hin Robert Kraft, Eigen­tü­mer des Gil­let­te Sta­di­ums, erklär­te, Mack­lem­ore dür­fe bei den dort geplan­ten Shows nicht auf­tre­ten. Nach Anga­ben des Tour­ver­an­stal­ters kün­dig­ten auch wei­te­re Sta­di­en an, ein Kon­zert mit Mack­lem­ore nicht zuzu­las­sen. Dar­auf­hin zogen sich Sup­port-Acts und Sheerans Begleit­band aus Soli­da­ri­tät zurück. Weni­ge Tage spä­ter ent­schul­dig­te sich Sheeran bei sei­nem Publi­kum für sei­nen Umgang mit der Situa­ti­on. Zugleich kri­ti­sier­te er, dass Venues auf Inhal­te von Künst­ler Ein­fluss neh­men oder sie vor­ab kon­trol­lie­ren woll­ten (Ach­tung; wir bezie­hen uns hier rein auf die Medi­en­be­richt­erstat­tung – wir haben weder Hin­ter­grund­wis­sen zu Ver­trags­ge­stal­tun­gen oder sons­ti­gen Abspra­chen und Abläu­fen).

Auch hier funk­tio­nier­te die Begren­zung als Ver­stär­ker: Aus Mack­lem­ores Aus­sa­ge bei einem ein­zel­nen Kon­zert wur­de eine Debat­te über die gesam­te Tour, die Ver­ant­wor­tung des Head­liners und die Fra­ge, ob Eigen­tü­mer von Spiel­stät­ten Ein­fluss auf künst­le­ri­sche Inhal­te neh­men dür­fen.

Der Strei­sand-Effekt ist dabei weder ein Rechts­be­griff noch eine mora­li­sche Bewer­tung. Er beschreibt zunächst nur eine Wir­kung: Wer Sicht­bar­keit begren­zen will, kann zusätz­li­che Sicht­bar­keit pro­du­zie­ren. (Das ist übri­gens der Grund, war­um wir den Men­schen das Ket­ten­den­ken nahe­le­gen und immer drin­gend raten, Kon­se­quen­zen jeder Ent­schei­dung zu prü­fen.)

Damit bleibt die zwei­te Fra­ge wich­tig: Wer mischt sich eigent­lich wo ein – auf wel­cher Grund­la­ge und mit wel­cher Befug­nis (hier­zu könn­te auch die Dis­kus­si­on um das sog. Teu­fels­rad auf dem Okto­ber­fest einen Ansatz­punkt zum Nach­den­ken lie­fern). Die Fra­ge lässt sich pau­schal nicht beant­wor­ten – neben der kon­kre­ten Ver­trags­ge­stal­tung geht es natür­lich auch um Inte­gri­tät, Rück­grat und Argu­men­ta­ti­ons­fes­tig­keit.

Die kon­kre­te (!) Fest­le­gung von Zustän­dig­kei­ten beant­wor­tet, wer ent­schei­den kann.  Das haben inzwi­schen die meis­ten ver­stan­den. Span­nend wird es, wenn es dann aber um die Fra­ge nach “auf wel­cher Grund­la­ge” geht – auch das soll­te fest­ge­hal­ten wer­den. Die Ergeb­nis­se die­ser Dis­kus­si­on kön­nen durch­aus span­nend wer­den…

Zum Wei­ter­le­sen:

 

Hin­weis zum Pho­to:

Die­ses Foto wur­de bekannt, als die Sän­ge­rin Bar­bra Strei­sand erfolg­los ver­such­te, die Ver­öf­fent­li­chung die­ses Fotos zur Doku­men­ta­ti­on der Küs­ten­ero­si­on recht­lich zu ver­bie­ten, da ihr Haus dar­auf zu sehen ist. Der Strei­sand-Effekt bezeich­net seit­dem Ver­su­che, etwas aus dem Inter­net zu ent­fer­nen, wodurch die­se ent­ge­gen der eigent­li­chen Inten­ti­on stark an Bekannt­heit gewin­nen.

Copy­right © 2002 Ken­neth & Gabri­el­le Adel­man, Cali­for­nia Coas­tal

Records Pro­ject, www.californiacoastline.org.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Streisand_Estate.jpg


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