Absagen passieren. Das Wetter kippt (wer hierzu aktuelle Beispiele sucht, kann mal Riot Fest oder Lost Lands in die Suchmaschine eingeben), Technik fällt aus, eine Bedrohungslage muss neu bewertet werden. Und ja: Manchmal bleibt auch der Vorverkauf deutlich hinter dem zurück, was eine Veranstaltung wirtschaftlich braucht. Daran ist zunächst nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Wer rechtzeitig stoppt, weil die Voraussetzungen nicht mehr tragen, übernimmt Verantwortung. Das Campus Festival Osnabrück wurde drei Wochen vor der Veranstaltung abgesagt, weil zu wenige Tickets verkauft worden seien. Bereits gekaufte Karten konnten zurückgegeben werden. Nicht schön, aber rechtzeitig und klar in der Kommunikation und den Prozederen.
Dann gibt es aber die Absagen, die einen Staunen machen ….
Hip Hop Kemp: schlechter Zeitrahmen, schlechte Kommunikation, unklare Prozedere (u.a.)
Nach sechs Jahren Pause sollte das Hip Hop Kemp auf einem neuen Gelände bei Plasy in Tschechien zurückkehren. Die Absage kam dann am Vorabend der Veranstaltung- weniger als 24 Stunden vor dem geplanten Beginn.
Bemerkenswert ist aber nicht nur der späte Zeitpunkt. Bemerkenswert ist vor allem die Reihenfolge.
Noch am Vortag wurden Tickets angeboten und über die offiziellen Kanäle hieß es: „Kemp ist ready.“ Am Morgen des Absagetags bewarb der Festivalaccount erneut Tickets. Gegen 18:15 Uhr meldeten erste gebuchte Artists öffentlich, dass das Festival nicht stattfinden werde. Die offizielle Bestätigung des Hip Hop Kemp folgte erst gegen 18:59 Uhr.
In der Community ging es schnell nicht mehr nur um die Enttäuschung über ein ausgefallenes Festival. Begriffe wie „Scam“, fielen, der Vergleich mit dem Fyre Festival wurde gleich mehrfach bemüht.
In seiner späteren Erklärung räumte der Veranstalter ein, dass der Vorverkauf stagnierte, ein eingeplantes Darlehen ausfiel und er bis zuletzt auf kurzfristige Ticketkäufe gehofft hatte. Rund 2.200 Tickets waren verkauft. Wirtschaftlich ausgelegt war das Programm nach seinen Angaben auf 5.000 bis 6.000 Gäste.
Dazu kam ein Unwetter, das der Veranstalter „den letzten Tropfen“ nannte. Dieser letzte Tropfen erklärt aber nicht, warum das Glas längst voll war. Und er erklärt weder die Ticketwerbung bis kurz vor der Absage noch die Tatsache, dass Künstler die Öffentlichkeit schneller informierten als der Veranstalter selbst.
Beatpatrol: Acht Toiletten sind kein logistisches Detail
Die Tore des Beat Patrol in Wien sollten um 14 Uhr öffnen – tatsächlich aber begann der Einlass kurz vor 21 Uhr. Von neun angekündigten Acts konnten am Freitag nur drei auftreten. Der Grund: zum angekündigten Einlass fehlten grundlegende Voraussetzungen für die behördliche Freigabe.
Nach Angaben der zuständigen Genehmigungsbehörde MA 36 standen zum geplanten Einlass acht (!) Toiletten (statt 100) für bis zu 8.000 erwartete Gäste bereit. Hinzu kamen Mängel bei den Fluchtwegen und bei der barrierefreien Infrastruktur.
Am Samstag durfte die Veranstaltung nach Nachbesserungen öffnen. Weil aber auch die noch herangeschafften 50 Toiletten für die ursprünglich vorgesehene Kapazität nicht ausreichten, wurde sie auf 4.000 Personen begrenzt.
Es wird ja häufig auf „die Behörden“ geschimpft – aber hier scheint es doch, als sei „die Behörde“ – das heißt, die Menschen, die dort die Entscheidung getroffen haben, in diesem Moment die letzte Sicherheitsbarriere, die noch funktioniert hat.
Ein spätes Nein wird nicht verantwortungsvoller, nur weil vorher oft Ja gesagt wurde
Wir kennen den Mechanismus: Schon so viel Geld investiert. Schon so viele Menschen involviert. Nur noch diese eine Lieferung. Nur noch ein paar Tickets. Nur noch einmal schlafen. Dann wird es schon.
Wird es manchmal. Manchmal eben aber auch nicht.
Was dann hilft, ist keine weitere Durchhalteparole, sondern eine Argumentationsfestigkeit, die auch trägt, wenn andere unbedingt weitermachen wollen. Wir kennen das vom Thema “Abbruch der Veranstaltung aufgrund einer noch nicht ganz konkreten Wetterwarnung: eine frühe Absage kann teuer sein – oder sogar unnötig, weil das Wetter doch vorbeigezogen ist. Eine zu späte Absage allerdings macht alles noch viel teurer: den wirtschaftlichen Schaden, den Vertrauensverlust und im schlechtesten Fall das Risiko für Menschen.
Absagekompetenz ist Sicherheitskompetenz. Oder, um es mit unserem Motto zu sagen: Ohne Mut ist das Wissen nutzlos.
Zum Weiterlesen:
- Hip Hop Kemp: Artists warnten vor dem offiziellen Statement – Hiphop.de
- Hip Hop Kemp: Angereiste Gäste, Zustand des Geländes und Reaktionen – TV Nova
- Dokumentierte Timeline und Reaktionen aus der Deutschrap-Community – Reddit
- Hip Hop Kemp und die Reaktion der Community – Deník Alarm
- Hip Hop Kemp: Statement des Gründers und Stand der Rückerstattungen – Hiphop.de
- Beatpatrol: Stundenlanges Warten, fehlende WCs und Sicherheitsmängel – ORF Wien
- Beatpatrol: VKI sieht Ansprüche, MA 36 kündigt Verfahren an – ORF Wien