Bildung, Beratung, Forschung für die Sicherheit von Menschen in Menschenmengen

Trau­ern ist wich­tig, Geden­ken auch – aber ins­be­son­de­re wich­tig ist Ler­nen.

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Aktu­ell trau­ert die Schweiz (und sicher vie­le ande­re) um die Opfer der Ereig­nis­se in Crans-Mon­ta­na.

Trau­ern ist wich­tig, Geden­ken auch – aber ins­be­son­de­re wich­tig ist Ler­nen.

Ler­nen, aus dem, was da pas­siert ist – mit dem Ziel, dass sich sol­che Ereig­nis­se nicht wie­der­ho­len.

Ver­folgt man die öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen, ist das Pro­blem gelöst durch bes­se­ren Brand­schutz und bes­se­re Kon­trol­len.

Und ja: bei­des ist wich­tig.

Betrach­tet man aber die Bil­der und vor allem die Vide­os der Ereig­nis­se, dann erge­ben sich noch eini­ge wei­te­re Aspek­te.

Risi­ko­kom­pe­tenz. Es ist schwer, mit anzu­se­hen, wie die Anwe­sen­den das Feu­er zwar gese­hen (und gefilmt), die tat­säch­li­che Ernst­haf­tig­keit der Situa­ti­on aber nicht erkannt haben.

Wir haben mal ein Pro­jekt in die­se Rich­tung star­ten wol­len, dabei ging es um den siche­ren Auf­ent­halt auf Fes­ti­vals – beson­ders für Erst­be­su­cher (Sabi­ne hat ja lan­ge Jah­re ein ein­tritts­frei­es Open-Air Fes­ti­val gelei­tet, auf dem klas­si­scher­wei­se vie­le jun­ge fes­tivalu­n­er­fah­re­ne Men­schen ihre ers­ten Begeg­nun­gen mit eini­gen durch­aus unan­ge­neh­men The­men gemacht haben). Wir woll­ten damit an die Schu­len und mit jun­gen Men­schen auf Augen­hö­he spre­chen. Geschei­tert ist es dar­an, dass eini­ge auf­ge­reg­te Eltern (und lei­der auch Leh­rer) der Ansicht waren, dass wir kei­nes­falls über ers­te Dro­gen- und Alko­ho­l­e­r­fah­run­gen auf Fes­ti­vals spre­chen soll­ten.

So wird das aber natür­lich nichts. Wenn wir auf das Alter der Getö­te­ten und Ver­letz­ten schau­en, dann ist klar, dass wir viel frü­her als damals noch gedacht begin­nen müs­sen, den Kids zu erklä­ren, was bei Ver­an­stal­tun­gen, beim Auf­ent­halt in Men­schen­men­gen, in Clubs und Bars wich­tig ist.

Unver­ges­sen in die­sem Zusam­men­hang ist auch der 16jährige Schü­ler in unse­rem “Wer ist unser Publi­kum” Panel (Hashtag#IBIT16), der auf den für ihn super Gedan­ken kam, dass es doch gut wäre, wenn man “z.B. die Wege, wo’s raus­geht, mit ’nem Schild ver­se­hen wür­de”. Kein Scherz, 200 Men­schen waren Zeu­ge die­ser Aus­sa­ge und haben gestaunt.

Das ande­re The­ma ist die Füh­rung der Wege. In allen mög­li­chen Stel­lung­nah­men zum The­ma war die Rede von Flucht­we­gen, von Aus­schil­de­run­gen und Min­dest­brei­ten – alles rich­tig natür­lich. Nie­mand hat aber mal so was gesagt wie “Und übri­gens: es ist auch eine ganz schlech­te Idee, die Leu­te von einem brei­ten in einen schma­len Flur zu füh­ren (auch, wenn die­ser noch die Min­dest­brei­te hat) und dabei gehört das sicher zu den abso­lu­ten Grund­la­gen der Sicher­heits­pla­nung. Also: es IST eine schlech­te Idee, Men­schen von einem brei­ten in einen sich plötz­lich ver­en­gen­den schma­len Flur zu füh­ren (oder durch eine schma­le­re Tür). #crowd­ma­nage­ment­für­an­fän­ger

Es ist wich­tig, dass wir bei sol­chen Ereig­nis­sen genau hin­schau­en, dass wir uns nicht mit grif­fi­gen Medi­en­schlau­hei­ten zufrie­den geben (jaja, “Flas­ho­ver” – is’ klar, den Begriff ken­nen jetzt alle, was es bedeu­tet, wis­sen sie damit aber noch lan­ge nicht) und dass wir den Opfern den größ­ten Respekt zol­len, den wir zu ver­ge­ben haben: Ler­nen, Leh­ren und Ver­hin­dern.

Und zum Schluss noch ein „Ser­vice­hin­weis“ für die Medi­en:
In den Medi­en gras­siert die Infor­ma­ti­on über eine ver­schlos­se­ne “Ser­vice­tür” – und bes­ser könn­te man das Elend der Bericht­erstat­tung kaum zusam­men­fas­sen: Ein Begriff ohne Ein­ord­nung (btw: was ist eine Ser­vice­tür?), ein­fach mal dahin­ge­wor­fen.

Hier daher eine Hil­fe­stel­lung für Berichterstatter:innen: War die Ser­vice­tür eine Not­aus­gangs­tür? Dann ist es ein ernst­zu­neh­men­des Dra­ma, wenn sie ver­schlos­sen war. Eine Bericht­erstat­tung und wich­tig und sinn­voll.

War die Ser­vice­tür irgend­ei­ne Tür? Dann gibt es erst mal gar kei­nen Grund, dass sie offen hät­te sein sol­len. Dann kann man auf­hö­ren, dar­über zu berich­ten.
WENN ihr aber unbe­dingt über die Ser­vice­tür berich­ten wollt, dann stellt doch bes­ser die Fra­ge, war­um Men­schen schein­bar gedacht haben, hier Hil­fe und einen Aus­gang zu fin­den statt der (unbe­kannt, ob vor­han­den) Not­aus­gangs­be­leuch­tun­g/-beschil­de­rung zu fol­gen und war­um die­se mög­li­cher­wei­se Wege aus­wies, die mög­li­cher­wei­se nicht geeig­net waren, die Men­schen tat­säch­lich in einen siche­ren Ort zu lei­ten (wir for­mu­lie­ren das mit aller Vor­sicht, da wir die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se dort nicht ken­nen).

Dabei hilft es zu ver­ste­hen, dass Men­schen Infor­ma­tio­nen inter­pre­tie­ren (Tür = Aus­gang) und dass es eine Auf­ga­be der Sicher­heits­pla­nung ist, dafür zu sor­gen, dass die Selbst­kom­pe­tenz der Men­schen dahin­ge­hend gestärkt wird, dass bei Vor­han­den­sein von zwei Optio­nen die Ver­si­on gewählt wird, die die Rich­ti­ge ist.

Es ist den Flüch­ten­den um nichts in der Welt “vor­zu­wer­fen” (wenn man die­ses Wort über­haupt benut­zen kann), dass sie ver­sucht haben, einen Weg aus der Gefahr zu fin­den.

Ob es an die­ser Tür baurechtlich/aus Sicht des Brand­schut­zes etwas vor­zu­wer­fen gibt, wer­den die Unter­su­chun­gen sicher zei­gen.

Bleibt also für jetzt und hier der Vor­wurf (wie­der ein­mal) der unre­flek­tier­ten Bericht­erstat­tung, den wir ein­fach mal so ste­hen las­sen wür­den.

P.S.: Das Foto ist KI-gene­riert und zeigt nicht die Ori­gi­nal­ver­hält­nis­se vor Ort (bevor noch jemand das Bild für sei­ne Bericht­erstat­tung nutzt).