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Zäh­len reicht nicht – über das Bewer­ten von Per­so­nen­dich­ten

Mün­chen hat es offi­zi­ell gemacht: Für das Okto­ber­fest 2026 wur­den neue Sicher­heits­maß­nah­men beschlos­sen; unter ande­rem geziel­tes Beob­ach­tung von Per­so­nen­strö­men und ein neu­es Koor­di­nie­rungs­zen­trum. Hin­ter­grund ist ein Vor­fall vom 27. Sep­tem­ber 2025, bei dem beim Reser­vie­rungs­wech­sel auf­grund zu spä­ter Reak­ti­on und unkla­rer Durch­sa­gen gefähr­lich dich­te Men­schen­men­gen und eine kri­ti­sche Stim­mung ent­stan­den. Die Voll­ver­samm­lung des Münch­ner Stadt­rats befass­te sich am 11. Mai 2026 abschlie­ßend mit dem neu­en Sicher­heits­kon­zept für die Wiesn 2026.

Kapa­zi­tät ist kein (aus­rei­chen­des) Kri­te­ri­um

„Über­fül­lung“ ist kein rei­nes Kapa­zi­täts­pro­blem. Eine Kon­zen­tra­ti­on nur auf Zah­len greift immer zu kurz. Besu­cher­zah­len, Tages­ka­pa­zi­tä­ten und ver­kauf­te Tickets wer­den mit geneh­mig­ten Ober­gren­zen ver­gli­chen und wenn die Zahl unter der Gren­ze liegt, gilt die Lage als unkri­tisch. Das stimmt so aber natür­lich nicht. Eine Zahl sagt nichts dar­über aus, was tat­säch­lich auf einer Flä­che pas­siert. Sie sagt nicht, ob sich Men­schen noch frei bewe­gen kön­nen. Und sie sagt nicht, ab wann aus Enge eine gefähr­li­che Situa­ti­on wird.

Zäh­len und Bewer­ten sind zwei ver­schie­de­ne Din­ge. Zäh­len beant­wor­tet die Fra­ge: Wie vie­le Men­schen befin­den sich auf dem Gelän­de? Bewer­ten beant­wor­tet die Fra­ge: Was bedeu­tet das für die Men­schen auf die­ser Flä­che – jetzt, in die­sem Moment, an die­ser Stel­le?

Das Werk­zeug: Die Ver­kehrs­qua­li­tät

Das Werk­zeug, das Bewer­ten statt nur Zäh­len ermög­licht, exis­tiert seit Jahr­zehn­ten. Es heißt Level of Ser­vice – ent­wi­ckelt von John J. Fru­in in sei­nem 1971 erschie­ne­nen Stan­dard­werk „Pede­stri­an Plan­ning and Design” (Metro­po­li­tan Asso­cia­ti­on of Urban Desi­gners and Envi­ron­men­tal Plan­ners, New York). Fru­in beschäf­tig­te sich sys­te­ma­tisch mit der Bewe­gung von Fuß­gän­gern in städ­ti­schen Räu­men – auf Geh­we­gen, in Bahn­hö­fen, auf Trep­pen und in War­te­be­rei­chen. Sei­ne Erkennt­nis­se sind bis heu­te Grund­la­ge für Pla­nungs­stan­dards welt­weit.

Auf Ver­an­stal­tun­gen über­tra­gen braucht das Kon­zept Anpas­sun­gen – der den Level of Ser­vice zugrun­de­lie­gen­de quan­ti­ta­ti­ve Ansatz wird rein qua­li­ta­tiv aus­ge­legt: Im Kon­text von Ver­an­stal­tun­gen beschreibt der Ansatz nicht, wie vie­le Men­schen irgend­wo sind – son­dern wie gut sich die­se Men­schen durch eine Flä­che bewe­gen kön­nen.

ANMER­KUNG: Die fol­gen­de Über­sicht ist ein Vor­schlag, der auch für die indi­vi­du­el­le Anwen­dung ange­passt wer­den kann. Das wich­ti­ge ist, dass alle, die mit die­sem Bewer­tungs­sche­ma arbei­ten, das glei­che Bild vor Augen haben.

Level A – Freie Bewe­gung. Bewe­gung in jede Rich­tung ist unge­hin­dert mög­lich. Begeg­nun­gen sind pro­blem­los, die Geh­ge­schwin­dig­keit ist selbst gewählt. Kein Druck, kei­ne Ein­schrän­kung.

Level B – Leicht ein­ge­schränk­te Bewe­gung. Begeg­nun­gen erfor­dern klei­ne Aus­weich­be­we­gun­gen, die freie Wahl der Geh­ge­schwin­dig­keit ist noch mög­lich.

Level C – Spür­ba­re Ein­schrän­kung. Rich­tungs­än­de­run­gen wer­den schwie­ri­ger, Über­ho­len braucht Kon­takt („excu­se me”-Zone). Für vie­le Ver­an­stal­tun­gen ein nor­ma­les, hand­hab­ba­res Niveau.

Level D – Erhöh­te Auf­merk­sam­keit erfor­der­lich. Kör­per­kon­takt ist häu­fig, indi­vi­du­el­le Bewe­gungs­frei­heit spür­bar ein­ge­schränkt. Ste­hen­blei­ben oder Rich­tungs­wech­sel erfor­dern akti­ves Durch­set­zen. Die Situa­ti­on ist noch beherrsch­bar – erfor­dert aber, dass jemand sie aktiv beob­ach­tet und bei Ver­än­de­run­gen sofort reagie­ren kann.

Level E – Hand­lungs­be­darf. Eigen­stän­di­ge Bewe­gungs­ent­schei­dun­gen sind nur noch unter Schwie­rig­kei­ten mög­lich. Ohne Ein­griff, z.B. durch Ent­zer­rung, Sper­rung von Zulauf­we­gen oder geziel­te Besu­cher­len­kung kann eine Kon­troll­ver­lust über die Lage ent­ste­hen.

Level F – Kri­tisch. Eigen­stän­di­ge Bewe­gung ist stark ein­ge­schränkt oder nicht mehr mög­lich. Kri­ti­sche Situa­tio­nen sind nicht aus­zu­schlie­ßen.

War­um ein gemein­sa­mes Bild ent­schei­dend ist

Der eigent­li­che Wert des Modells liegt aber nicht nur in den Stu­fen selbst – er liegt dar­in, dass alle Betei­lig­ten das­sel­be Bild vor Augen haben. Ein Crowd­s­pot­ter, der „sehr voll” mel­det, und eine Ein­satz­lei­tung, die das als „nor­mal für ein Fes­ti­val” ein­ord­net, arbei­ten anein­an­der vor­bei – auch wenn bei­de aus ihrer jewei­li­gen Per­spek­ti­ve nicht falsch lie­gen. Wenn jedoch ein Crowd­s­pot­ter „Level B” mel­det, ist klar, dass kein Hand­lungs­be­darf gege­ben ist. Mel­det er hin­ge­gen „Level D”, ist klar: erhöh­te Auf­merk­sam­keit ist gefor­dert, (vor­ge­plan­te) Maß­nah­men müs­sen umge­setzt wer­den. Kein Erklä­ren, kein Inter­pre­tie­ren, kein Miss­ver­ständ­nis.

Und das Bes­te dar­an: Das Modell funk­tio­niert nicht nur im Betrieb, son­dern bereits in der Pla­nung. Wann wer­den auf wel­chen Flä­chen wel­che Qua­li­täts­stu­fen erwar­tet? Wo ent­ste­hen pla­nungs­be­dingt kri­ti­sche Zeit­fens­ter; beim Ein­lass, beim Reser­vie­rungs­wech­sel, beim Aus­lass? Wer dies so struk­tu­riert vor­aus­denkt, hat beim Abgleich mit der Rea­li­tät vor Ort eine belast­ba­re Grund­la­ge für die Bewer­tung der tat­säch­li­chen Lage.

Der 1. Mai 2026 als Bei­spiel

Der 1. Mai 2026 in Ber­lin illus­triert das Pro­blem anschau­lich. Der Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter Kai Weg­ner sprach von einem „fried­li­chen 1. Mai”. (Tages­spie­gel, 2. Mai 2026) Die Gewerk­schaft der Poli­zei erklär­te hin­ge­gen, von einem fried­li­chen Tag kön­ne „kei­ne Rede sein” – 15 ver­letz­te Beam­te, 87 Fest­nah­men, 121 Straf­ver­fah­ren. (Ber­li­ner Zei­tung, 2. Mai 2026) Gleich­zei­tig berich­te­ten Besu­cher des Ikki­mel-Kon­zerts am Mari­an­nen­platz von extre­mem Gedrän­ge und brenz­li­gen Situa­tio­nen – wäh­rend Ver­an­stal­ter und Poli­zei erklär­ten, sicher­heits­re­le­van­te Pro­ble­me sei­en nicht bekannt. (Tages­spie­gel, 5. Mai 2026)

Alle genann­ten Ein­schät­zun­gen kön­nen gleich­zei­tig zutref­fen, weil sie sich auf unter­schied­li­che Flä­chen, unter­schied­li­che Zeit­punk­te und unter­schied­li­che Bewer­tungs­maß­stä­be bezie­hen. Genau das ist der Kern des Pro­blems: Eine Bewer­tung gilt nie für „die Ver­an­stal­tung” als Gan­zes. Sie gilt immer nur für eine defi­nier­te Flä­che, eine bestimm­te Stre­cke, einen kon­kre­ten Zeit­punkt. Pau­scha­le Aus­sa­gen wie „das war fried­lich” oder „das war gefähr­lich” für ein Gesamt­ereig­nis beschrei­ben nichts Belast­ba­res – sie ver­wi­schen das Bild.

Genau hier liegt der prak­ti­sche Wert des Level-of-Ser­vice-Modells: Es zwingt zur Prä­zi­si­on. Nicht „sehr voll”, son­dern: wel­che Stu­fe auf wel­cher Flä­che, zu wel­chem Zeit­punkt, mit wel­cher Ten­denz.

Kapa­zi­tät, Dich­te und Ver­tei­lung sind nicht das­sel­be

Kapa­zi­tät beschreibt, wie vie­le Men­schen sich theo­re­tisch auf einem Gelän­de oder einer Flä­che befin­den dür­fen. Dich­te beschreibt, wie eng Men­schen tat­säch­lich zuein­an­der ste­hen (pers/qm). Ver­tei­lung beschreibt, wo sich die­se Men­schen zu wel­chem Zeit­punkt kon­zen­trie­ren. Die­se drei Fak­to­ren hän­gen zusam­men, sind aber nicht iden­tisch.

Eine Ver­an­stal­tung kann ins­ge­samt weit unter ihrer geneh­mig­ten Kapa­zi­tät lie­gen und trotz­dem lokal kri­ti­sche Dich­ten erzeu­gen. Gleich­zei­tig kön­nen hohe Besu­cher­zah­len völ­lig unpro­ble­ma­tisch sein, wenn sich Men­schen gleich­mä­ßig ver­tei­len und Bewe­gungs­strö­me funk­tio­nie­ren.

Das Tref­fen von Ent­schei­dun­gen erfor­dert belast­ba­re Infor­ma­tio­nen – ein allen Betei­lig­ten bekann­tes Stu­fen­mo­dell kann die­se Infor­ma­tio­nen lie­fern.


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