Ende Juni wurden in mehreren europäischen Ländern Veranstaltungen abgesagt oder kurzfristig eingeschränkt. In Frankreich verschoben Behörden Großveranstaltungen, in den Niederlanden wurde das Hardstyle-Festival Defqon.1 nach Ausrufung der höchsten Hitzewarnstufe vollständig beendet, im Ruhrgebiet mussten das Sunset Beach Festival und ein Konzert von Jan Delay kurzfristig abgesagt werden.
Spannend ist dabei weniger, welche Veranstaltungen stattfanden und welche nicht. Spannend ist, dass wir inzwischen überhaupt darüber diskutieren, dass Hitze ein relevanter Grund ist, eine Veranstaltung absagen zu müssen. Vor zehn oder fünfzehn Jahren wäre diese Diskussion vermutlich anders verlaufen. Natürlich gab es heiße Sommertage. Natürlich gab es Kreislaufprobleme oder Sonnenstiche. Das gehörte irgendwie dazu. Wer zu einer Open-Air-Veranstaltung ging, wusste schließlich, dass es heiß werden konnte.
Spannend ist aber auch, wie unterschiedlich die Sichtweisen auf das Thema sind: Bei „meiner“ Veranstaltung (eintrittsfreies Open-Air Festival) gab es immer schon Wasserstellen – die gab es schon, als ich den Job in 2000 übernahm und natürlich gab es sie immer noch, als ich 2011 aufhörte (tatsächlich wurden sie in heißen Jahren auch explizit von den Behörden gefordert) . Genauso gab es Sonnenschirme für die Menschen, die an Eingängen / Durchgängen standen, es gab „Sonnenhut Give-aways“ (besonders beliebt damals die orangefarbenen Hüte eines Spirituosenherstellers), Sonnencreme umsonst etc. Als ich anfing, gab es auch noch das Besprühen des Publikums mit Wasser – was ich dann, als ich es besser gelernt hatte – eingestellt habe – sehr zum Missfallen aller übrigens (das Publikum hat lautstark danach gefordert und es gab jede Menge negativer Rückmeldungen, als wir damit aufgehört hatten). Just gestern las ich dann aber einen Beitrag, in dem über das „Spannungsfeld“ zwischen Getränkeverkäufen und freiem Trinkwasser sinniert wurde – was mich wiederum an eine Aussage, die im Rahmen meiner Uni Abschlussarbeit in 2009 über „extreme weather“ getätigt wurde: „warum sollten wir Wasser umsonst zur Verfügung stellen – das bekommen die Leute ja auch sonst nirgendwo. Wir sind ja nicht die Caritas“.
Einige dieser Beispiele sind inzwischen Standard (und noch viele mehr, an die ich damals nicht gedacht habe) mit dem Effekt, dass sich möglicherweise ein gewisses Maß an „das macht man halt bei Hitze“ Zufriedenheit eingestellt hat. Die letzte Juni Woche hat daher noch mal ordentlich aufgeschreckt: „das“ ist gar nicht alles, was man tun kann und muss – wenn wir nicht wollen, dass Veranstaltungen demnächst regelmäßig wegen Hitze abgesagt wurden, werden wir wohl noch einmal deutlich mehr tun müssen.
Das zeigt z.B. der Blick auf Defqon.1. Der Veranstalter reagierte nicht mit einer einzigen Maßnahme, sondern mit einer ganzen Kette aufeinander aufbauender Entscheidungen. Zusätzliche Schattenflächen, kostenloses Trinkwasser, Sonnencreme, Sprühnebelanlagen und Cooling Areas waren der erste Schritt. Als die Belastung weiter zunahm, wurde die Besucherzahl an den heißesten Tagen um rund 15.000 Personen reduziert. Programmpunkte wie das traditionelle „Warrior Workout“ wurden gestrichen, andere Programminhalte in die Abendstunden verlegt. Erst als der niederländische Wetterdienst erstmals überhaupt wegen Hitze die höchste Warnstufe „Code Rot“ ausrief, fiel die Entscheidung, das Festival vollständig abzubrechen und das Campinggelände zu räumen. Es blieb nicht die einzige Veranstaltung, die abgesagt wurde – die Liste der betroffenen Veranstaltungen würde insbesondere am Freitag jede Minute länger.
Aber warum?
Mit einer leicht negativen Grundstimmung könnte man sagen: „weil die andere es auch gemacht haben“ (wir haben ja schon verschiedentlich über medialen Druck als Entscheidungskriterium gesprochen, so dass man diesen Gedanken einfach nicht außen vor lassen kann). (Hoffentlich) wahrscheinlicher ist aber, dass wir (langsam) verstehen, dass Hitze weit mehr ist als eine hohe Lufttemperatur. Sie verändert die Rahmenbedingungen einer Veranstaltung – und zwar auf eine Weise, die in vielen Sicherheitskonzepten noch immer nicht ausreichend berücksichtigt wird.
Wenn wir über „Wetter“ oder „Unwetter“ sprechen, denken wir fast automatisch an Gewitter. Das ist nachvollziehbar; Gewitter sind sichtbar, hörbar. Sie erzeugen unmittelbaren Handlungsdruck: kaum tauchen die ersten Gewitterzellen auf dem Wetterradar auf, beginnen Lagebesprechungen, vorbereitende Handlungen bis hin zu Entscheidungen über Programmunterbrechungen. Hitze funktioniert anders: sie baut sich langsam auf. Sie wirkt anfangs unspektakulär und wir freuen uns vielleicht sogar: „endlich wieder mal warm“. Und genau deshalb unterschätzen wir sie so leicht
Die Hitzewelle Ende Juni war ein meteorologisches Extremereignis. Ausgelöst durch eine stabile Omegalage stiegen die Temperaturen über viele Tage kontinuierlich an. Der Deutsche Wetterdienst warnte großflächig vor starker bis extremer Wärmebelastung, zum Teil über 10 – 12 Tage am Stück. Die Forschungsinitiative World Weather Attribution kommt wenig überraschend zu dem Schluss, dass Temperaturen dieser Größenordnung zu diesem Zeitpunkt dem menschengemachten Klimawandel zuzuschreiben sind – und nur der Anfang einer Entwicklung sind, die sich bereits nicht mehr stoppen lässt. Spannend auch (unter anderem für den Internationalen Veranstaltungskalender), dass der Juni inzwischen als der sich am schnellsten erwärmende Monat Europas gilt.
In der öffentlichen Diskussion (und auch in vielen Absagebegründungen) ging es dabei fast ausschließlich um Lufttemperaturen. Für die Sicherheitsplanung ist diese Zahl allerdings nur begrenzt hilfreich. Entscheidend ist nicht, was das Thermometer im Schatten anzeigt, sondern welcher Belastung Menschen tatsächlich ausgesetzt sind. Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung, Aufenthaltsdauer und körperliche Aktivität beeinflussen die Wärmebelastung erheblich. Der Deutsche Wetterdienst berücksichtigt dies mit der sogenannten gefühlten Temperatur, im Arbeitsschutz ist der WBGT (Wet-Bulb Globe Temperature) ‑Index etabliert. Für ein tanzendes Festivalpublikum oder Beschäftigte, die seit Stunden körperlich arbeiten, liegt die tatsächliche Belastung erfahrungsgemäß häufig (oder immer?) deutlich über der gemessenen Lufttemperatur.
Womit wir beim Thema wären: Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit. Sicherheits- und Ordnungsdienste stehen stundenlang auf versiegelten Flächen. Stage Hands bauen Bühnen auf, fassen Oberflächen an, auf denen andere ihren (veganen) Bürger braten würden. Rigger arbeiten unter Bühnendächern, in denen Temperaturen herrschen, die mit den offiziellen Wetterdaten nur noch wenig gemeinsam haben. Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdienste leisten ihren Dienst häufig über viele Stunden in persönlicher Schutzausrüstung oder dunkler Einsatzkleidung. Während Besucher jederzeit entscheiden können, den Schatten aufzusuchen (sofern es ihn gibt) oder die Veranstaltung zu verlassen, haben diejenigen, die für ihre Sicherheit verantwortlich sind, diese Möglichkeit meist nicht. Was einige gerne ignorieren: Hitzeschutz ist keine freiwillige Serviceleistung des Arbeitgebers, sondern Bestandteil seiner gesetzlichen Fürsorgepflicht. Gefährdungsbeurteilungen müssen Wärmebelastungen berücksichtigen. Dazu gehören angepasste Arbeits- und Pausenzeiten, ausreichende Trinkmöglichkeiten, Verschattung, Rotationsmodelle und auch Maßnahmen des UV-Schutzes.
Als wäre das für die Arbeitenden nicht schon problematisch genug, wird es schnell auch zu einer Frage der grundsätzlichen Veranstaltungssicherheit: ein erschöpfter Sicherheitsmitarbeiter beobachtet anders ein erfrischter. Ein überlasteter Sanitätsdienst arbeitet unter höherem Druck. Eine Technik-Crew, die seit Stunden in großer Hitze arbeitet, macht möglicherweise eher Fehler. Nicht weil die Menschen schlechter geworden wären, sondern weil ihre Leistungsfähigkeit physiologische Grenzen hat. Und wenn der Zustand schon ein paar Tage andauert, macht es das auch nicht besser, insbesondere, wenn die Nächste auch keine Erholung mehr bieten können.
Und weil das alles offensichtlich immer noch nicht ausreicht, um adäquate Reaktionen zu begründen, bleibt als letztes Argument noch das der öffentlichen Sicherheit: viele medizinische Konzepte gehen davon aus, dass der öffentliche Rettungsdienst bei Bedarf, wenn der bestellte Sanitätsdienst an seine Grenzen kommt, unterstützt. Während einer flächendeckenden Hitzewelle gerät diese Annahme aber ins Wanken. Pflegeeinrichtungen melden zusätzliche Notfälle, Krankenhäuser behandeln mehr Patientinnen und Patienten, Rettungsdienste fahren deutlich mehr Einsätze. Aus einzelnen Regionen wurde Ende Juni sogar berichtet, dass Rettungswagen zeitweise außer Dienst genommen werden mussten, weil die Besatzungen erschöpft waren oder Notaufnahmen keine weiteren Patientinnen und Patienten aufnehmen konnten. Eine Veranstaltung findet also nicht isoliert statt, sondern innerhalb eines Hilfeleistungssystems, das in diesen Fällen bereits außergewöhnlich belastet sein kann.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Welt nicht stillsteht, „nur weil es heiss ist“ – und so ist es natürlich auch das Ziel, dass auch Veranstaltungen weiterhin stattfinden können. Dies braucht aber eine Anpassung der Standard-Hitze-Maßnahmen. Mit freiem Trinkwasser und kostenfreien Sonnenhüten ist es einfach nicht getan – genausso wenig wie mit dem Verweis auf die „Selbstkompetenz“ und „Eigenverantwortung“ der Besucher und Besucherinnnen. Wer 200 und mehr Euro für sein Ticket bezahlt hat, hat es verdient, dass wir ihm Argumente liefern, die Veranstaltung besuchen zu können. „Die Leute können ja zuhause bleiben, wenn es ihnen zu heiss ist“ ist zwar grundsätzlich richtig, jedoch keine Argument für das Nicht-Handeln.
Genau deshalb sollten Entscheidungen über Anpassungen oder Absagen nicht erst dann getroffen werden, wenn das Thermometer am Veranstaltungstag Höchstwerte erreicht. Wer bereits im Sicherheitskonzept Schwellenwerte, Zuständigkeiten und Eskalationsstufen definiert, hat auch unter Zeitdruck eine Chance. Maßnahmen wie zusätzliche Wasser- und Schattenangebote (wer checkt regelmäßig den Verlauf der Sonnen bzw. des Schattenwurfes auf dem Veranstaltungsgelände?), Programmänderungen, angepasste (erweiterte) Sanitätskonzepte, funktionierende (und umgesetzte!) Maßnahmen des Gesundheitsschutzes und der Arbeitssicherheit, eine Bewertung der regionalen Hilfeleistungskapazitäten und eine offene Kommunikation mit Behörden und Gästen sind keine Optionen mehr, sondern Mindeststandards – mit einem nach oben offenem Ende der Ideenskala.
Vielleicht werden wir in einigen Jahren zurückblicken und uns fragen, warum wir so lange gebraucht haben, um das zu erkennen – denn eigentlich ist die Entwicklung gar nicht überraschend. Überraschend ist nur, dass wir immer noch überrascht sind.
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