Unbequeme Gedanken Teil 1: Unsinn im Namen der Sicherheit

Die IBIT-WelleUnbequeme Gedanken Teil 1: Unsinn im Namen der Sicherheit
„Wir wollen ja hier kein zweites Duisburg“ diente lange Zeit als Pauschalbegründung für jede noch so absurde Maßnahme – ob sinnvoll oder nicht, zielführend oder nicht, neue Probleme hervorrufend oder nicht – alles egal. Hauptsache, die Begründung konnte mal angebracht werden. Mehr Ordnungsdienst? Klar, wir wollen ja kein zweites Duisburg. Verringerte Kapazität? – klar, wir wollen ja kein … Absage? – Klar …. Die meisten, die dies lesen, werden mit dem Argument schon ein oder mehrmals konfrontiert worden sein – mal mehr, mal weniger berechtigt.
Heutzutage hört man das Argument nur noch selten – was nicht daran liegt, dass alles so viel besser geworden ist, dass man nicht das ein oder andere doch mal kritisch betrachten sollte, sondern, dass es ein neues „Hierüber gibt es nichts zu diskutieren“- Argument (in anderen Kontexten würde man es „Totschlagargument“ nennen – was in diesem Zusammenhang aber etwas zu schräg klingt) gibt: den Terror – in all seiner pauschalen und pauschalisierten Breite. Ähnlich wie bei den Reaktionen auf die Loveparade ist grundsätzlich einmal alles richtig: die Gefährdung / das entsetzliche Ereignis ist da und es ist absolut wichtig und richtig, hieraus Lehren zu ziehen und zu reagieren. Wünschenswerterweise geschieht dies in Form einer nochmaligen intensiven Betrachtung einer bis dahin hoffentlich bereits guten Sicherheitsplanung und der auf Argumenten basierenden Diskussion und Implementierung von möglicherweise zusätzlich sinnvollen Maßnahmen. Bedauerlicherweise nehmen sich aber nicht alle die Ruhe, die es braucht, das Thema zielführend (das heißt, als normalen Teil der Veranstaltungsplanung) zu implementieren. Im Gegenteil: das „Sicherheitsargument“ wird überall da angesetzt, wo man es gerade gut brauchen kann – und wird damit in der Konsequenz etwas, worüber man wahlweise die Hände über den Kopf zusammen schlägt oder sich entnervt abwendet als dass man sich über die Verbesserungen freuen würde.
„Um die Sicherheit zu erhöhen wird die Kapazität heruntergesetzt“ reduziert sich nun mal zu einer Lachnummer, wenn alle wissen, dass die ursprüngliche Kapazität ohnehin niemals erreicht worden wäre. Weniger offensichtlich aber nicht weniger problematisch ist das hier bereits diskutierte „aufgrund verstärkter Taschenkontrollen (natürlich für die „Sicherheit) kommt es zu längeren Wartezeiten. „Sicher“ wäre es, wenn die Besucher so schnell wie möglich (oder mindestens genauso schnell), in die Halle /die Arena hineinkämen – sind sie dort doch wesentlich sicherer als im ungeschützten Eingangsbereich.
Nicht besser wird das Ganze durch unreflektierte Berichterstattung und fachfremde Meinungsbildung á la „das Sicherheitskonzept ist top-secret und wird von der Polizei unter Verschluss gehalten“. Da wird gerade mal die Einsatzplanung und Vorbereitung der Polizei (die bekanntermaßen eher selten in die Welt hinaus getragen wird) mit dem Sicherheitskonzept, das eine gemeinsame Handlungsgrundlage für einen Vielzahl von Beteiligten ist, verwechselt. „Sicherheit“ wird hier a) zur Polizeisache und b) zu etwas Geheimnisvollen, dessen tiefergehende Diskussion die Bevölkerung doch nur verunsichern würde. Verunsichern würde Teile der Bevölkerung vielleicht tatsächlich, wenn sie wüssten, dass die Unterweisung nach 34a GewO gar keine Qualifikation ist, die relevantes Wissen für die Arbeit bei Veranstaltungen vermittelt – so aber werden „um die Sicherheit zu erhöhen, nur Kräfte nach 34a GewO eingesetzt“ – und alle (naja, fast) freuen sich, dass nun endlich qualifiziertes Personal die Veranstaltung „schützt“ – umso größer das (regelmäßige) Erstaunen, wenn es doch nicht funktioniert.
Da ist es schon fast egal, ob all das, was über Rock am Ring und die tatsächlichen Gründe (und den Ablauf) der Unterbrechung in die Öffentlichkeit gedrungen ist, nun stimmt oder nicht – nicht selten hatte man als Außenstehender das Gefühl, einer Farce beizuwohnen. Auch die Tatsache, dass der ruhige Ablauf der Räumung von allen Beteiligten jeweils explizit hervorgehoben wurde, hat dies nicht verbessert – eher im Gegenteil : erweckt wurde der Eindruck, man hätte ja hier eigentlich tumultartige Szenen, Aufruhr und fliegende Bierbecher erwartet (und müsse dies eigentlich immer grundsätzlich bei jeder Räumung tun) – was von der eigentlich wichtigen Diskussion, was es eigentlich braucht, damit eine Räumung ganz in Ruhe ablaufen kann, ablenkt. Aktuell schafft es gerade der Kölner Rheinboulevard in die Schlagzeilen: ein tolles Gelände, umgebaut für viel Geld – aber bei Veranstaltungen regelmäßig „aus Sicherheitsgründen“ gesperrt.
Nun könnte man ja argumentieren und sagen: „Wieso die Aufregung? Ist doch toll, wenn über Sicherheit gesprochen wird.“ Klar ist das toll – aber nicht so. Über Sicherheit bei Veranstaltungen muss und soll immer gesprochen werden – von allen (inclusive den Besuchern) und gerne auch regelmäßig. Solange das Thema aber nur dann aufkommt, wenn wieder einmal auf etwas reagiert werden muss und die Diskussion und die Maßnahmen dann dergestalt sind, dass sie die einen in eine „ihr mit Eurer überzogenen Sicherheitshysterie“, die anderen in eine „man muss auf alles vorbereitet sein“ Position drängt, dann ist das problematisch. In der Veranstaltungswelt gibt es unglaublich viele tolle Menschen, die Veranstaltungen gut, ruhig und souverän planen – mit viel Fachwissen und viel Erfahrung. Gemeinsam ist diesen Leuten, dass sie „Sicherheit“ nicht als extraordinäres Sonderthema betrachten, sondern als NORMALEN Teil der Veranstaltungsplanung – von Anfang an, mit allen Beteiligten, in einer angemessenen Abstimmung von sinnvollem Maßnahmen und dem dazugehörigen Aufwand. Das sind Leute, die nicht per se einer „viel hilft viel“ Mentalität folgen, die aber den notwendigen (Mehr)Aufwand da betreiben, wo es notwendig (und sinnvoll) ist. Das sind Leute, die den Argumenten Anderer zuhören, diese respektieren und diesen – wenn die anderen Argumente nun mal besser sind – auch folgen. Die aber auch die unangenehme Diskussion nicht scheuen, wenn Anweisungen per „weil ich es kann“ Dekret ergehen. Es sind Leute, die „den Job“ nicht machen, um sich zu profilieren, sondern um einen Beitrag zur Sicherheit der Veranstaltung zu leisten. Die Arbeit dieser Menschen (die es natürlich auf allen Ebenen, in allen Organisationen gibt) wird oftmals torpediert durch die öffentliche Diskussion und den Druck, der daraus (in beide Richtungen) entsteht. Auch das hat vermutlich jeder, der das hier liest, schon einmal erlebt: eine gute Lösung kann nicht umgesetzt werden, weil irgendjemand anderes, der in der Hierarchie höher steht und den (politischen und medialen) Druck daher noch mehr fürchtet, etwas anderes will (oder ihm von Beratern erklärt wird, dass er es besser wollen sollte) – und dies auch so durchsetzt. In den meisten Fällen führt das dann dazu, dass irgendjemand genervt ist vom Thema „Sicherheit“ – der Zeitungsleser, der die Hintergründe nicht kennt und versteht (muss er ja auch nicht), der Besucher, der nicht versteht, was der Sinn der Maßnahme ist, der Steuerzahler, der sich fragt, was das alles kostet, der Planer, der Maßnahmen nicht umsetzen kann und die Leute, die die Maßnahmen dann in der Praxis umsetzen und vertreten müssen. Dass es über die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen immer unterschiedliche Meinungen gibt – geschenkt und gut so: nur so entwickelt sich das Thema weiter. Umso wichtiger ist es aber auch, immer mal wieder zu hinterfragen, welche Diskussionen, welche Maßnahmen, welche Darstellung dem Thema mehr schadet als ihm nutzt.

On Juli 20th, 2017, posted in: News by